Allgäu Blog

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Trans Alp 1970 – Eine Allgäuer Rad-Tour nach Italien

Sinnig & Unterhaltsam

Lange bevor der Rad-Tourismus zu boomen begann und zu einem Massenphänomen wurde, als noch kaum ein separates Wegenetz den Radlern ein Gefühl von Sicherheit bot, als organisierte Trans Alp Touren auf hochwertigen Bikes noch gänzlich unbekannt waren, machten sich doch auch schon einzelne Allgäuer auf, um auf ihrem Drahtesel ein Stück der übrigen weiten Welt zu erleben. (Text so ähnlich aus dem Buch: Herbststimmung – Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers (ISBN 978-3-347-23227-3))

 

 

Trans Alp 1970: Mit dem Fahrrad auf Goethes Spuren

Mich hatte im August des Jahres 1970 eine solche Idee gepackt, und so brach ich eines Morgens vollkommen untrainiert und mit einem wenig tauglichen Fahrrad zu meiner Italienischen Reise auf. Dabei gebe ich gerne zu, dass ich den Bezug zu den Reisen des Geheimrats Johann Wolfgang von Goethe erst später gezogen habe.

Über den Splügen an Comer See

Die erste Tagesetappe hatte mich ziemlich problemlos über Bregenz, Feldkirch, Liechtenstein und Chur ins das hintere Rheintal geführt, nach Thusis. Am zweiten Tag aber stand meine TransAlp an. Durch die Via-Mala-Schlucht ging es noch mühelos hoch nach Splügen, wo aber die Tortur begann, denn verdammt heiß brannte die Sonne herunter, als ich mein ziemlich beladenes Rad weitere 700 Höhenmeter zum Splügen-Pass hinaufschob. Doch noch vor dem Höhenscheitel zog sich der Himmel zu und ließ gar einen kurzen Schauer fallen. Wie gut, dass nun nur noch eine lange Abfahrt zu dem um 1800 Höhenmeter tiefer gelegenen Talboden des Comer Sees bevorstand! Falsch gedacht: denn mein nur mit kraftlosen Felgenbremsen ausgestatteter Halbrenner versagte mir seine Dienste, als eine Befestigungsplatte an der Rahmengabel abbrach und so die hintere Bremse ganz ausfiel. Mit einem Strick konnte ich nur noch Schutzblech und Gepäckträger notdürftig hochbinden. An eine Abfahrt auf der engen und steilen Kurvenstrecke war also nicht mehr zu denken.

Zuflucht bei Don Camillo

Aber auch diese Situation ließ sich bis zum Abend überstehen. Wie gerufen stand am Weg zwischen Chiavenna und dem Comer See ein Stadel, in dem ich mich ausgehungert und todmüde zur Ruhe legen wollte. Doch eine aggressive Schar von Mücken zwang mich, wieder zusammenzupacken und im nächsten Dorf irgendeine Unterkunft zu suchen. Ich wundere mich heute immer noch über meine damalige Courage, denn ich läutete tatsächlich im Pfarrhof. Keineswegs begeistert zeigte sich der Gottesmann – nicht wirklich von der zupackenden Art eines Don Camillo –, als ich ihm meinen Wunsch darlegte, irgendwo im Pfarrhof auf dem Boden schlafen zu dürfen. Aber ganz abweisen wollte oder durfte er mich offensichtlich auch nicht. Zwar nicht im geräumigen Pfarrhof, wohl aber in einer Abstellkammer neben der Sakristei durfte ich meinen Schlafsack am Boden ausrollen. Hier störten keine Mücken den verdienten Schlaf, und auch keine von diesen ominösen armen Kirchenmäusen wagte es, an meinen Füßen zu knabbern.

Radtour - Trans Alp 1970

Trans Alp schnell erledigt & nicht jede Protektion erweist sich als hilfreich

Am dritten Abend versuchte ich in Bréscia erstmals mein Glück mit einer Adressenliste vermeintlich wohlwollender Bekannter unseres Schuldirektors. Ich sollte mich nur als uno studente tedesco di Baviera vorstellen und das Zauberwort Dottore Baum hinzufügen, um wie selbstverständlich Nachtmahl und Unterkunft angeboten zu bekommen. In Bréscia, wie übrigens auch in fast allen folgenden Orten, hatte man jedoch die gute Bekanntschaft zu einem Dottore Baum offensichtlich schon längst vergessen (oder nur geleugnet?). Jedenfalls bekam ich beim hoffnungsvoll angesteuerten Kloster nur einen Gutschein ausgehändigt für eine Unterkunft in einem kommunalen Obdachlosen-Asyl. Dort nahm man mir sofort mein Gepäck ab und händigte mir dafür Seife, Handtuch und wohl auch Bettwäsche aus. Noch ziemlich lebhaft erinnere ich mich an die Nacht im riesigen Schlafsaal, wo noch bis ziemlich spät immer wieder arg abschreckende Männergestalten eintrafen. Der Lärm und die Alkoholwolke, die sie um sich verbreiteten, förderten nicht gerade meinen Schlaf.

Als Allgäuer Bauernbub vor einem Weltwunder

Der Apenninen-Pass nach Parma erreicht kaum mehr als 1000 Meter, dennoch macht er in der sommerlichen Hitze einem Radfahrer unerwartet zu schaffen. In Lérici stand ich dann erstmals vor dem Mittelmeer. Dort nutzte ich die Ruinen einer Burg als mein Nachtquartier.

Die sechste Etappe entlang der flachen Küste von Carrara und Massa bis Pisa wäre eigentlich recht erholsam gewesen, wenn sich damals nicht schon der Schmerz in einem Knie so unangenehm bemerkbar gemacht hätte und eine gewisse Beunruhigung auslöste. Das nur heimlich erwogene Reiseziel Rom durfte ich daher getrost vergessen.

Was Pisa echten Kunstkennern bietet und bildungsbürgerlichen Reisenden an Abhak-Genugtuung bereiten mag, kann ich nicht beurteilen. Für mich, den Allgäuer Bauernbub ohne erlernten Bezug zur Architekturgeschichte, war es schlicht und einfach ein unwahrscheinlich schönes Gefühl, persönlich vor diesem schiefen Turm zu stehen und feststellen zu können, dass seine Geneigtheit nicht etwa mittels fotografischer Tricks auf jene Bilder gekommen war, die ich zuvor schon vielfach gesehen hatte. Meine erste reale Begegnung mit einem Weltwunder.

Ricreazione a Firenze

In der stolzen Metropole der Toskana war es dann höchste Zeit für eine vernünftige Unterkunft. Denn nicht nur mein angeschlagenes Knie bedurfte dringend der Erholung, auch der Darm verlangte nach aufmerksamer Pflege, hatte er doch schon seit mehreren Tagen jene Tätigkeit verweigert, die man täglich, gewöhnlich nach dem Frühstückskaffee, wie selbstverständlich von ihm erwartet. Mein erster Gang in Florenz führte daher in eine Farmacía, wo ich etwas tabuisierend und doch unmissverständlich mein Problem schilderte und schließlich auch eine Abhilfe ausgehändigt bekam. Als dieses Mittel nicht schnell genug half, holte ich mir das nämliche Remedium auch noch aus einer anderen Apotheke. Dass dies dann wiederum des Guten zu viel war und ich für viele Stunden dringend auf die unmittelbare Nähe einer bestimmten Örtlichkeit angewiesen war, brauche ich hier nicht weiter zu erläutern. Die Santa Maria dei Fiori mit dem Battisterio, der Ponte vecchio und all die vielen anderen Sehenswürdigkeiten dieser ungewöhnlichen Stadt mussten noch ein bisschen warten.

Als nach drei Tagen das Wichtigste gesehen und Knie und Darm wieder zur Ruhe gekommen waren, trug mich der sportliche Ehrgeiz gar bis Ravenna, ins ehemalige Zentrum der Ostgoten, wobei eine Tagesleistung von gut 170 Kilometern inklusive einer Apenninen-Überquerung zustande kam.

Venezia – ganz anders erlebt

Die nur gut 150 km von Ravenna bis Venedig, zur Gänze in der großen Ebene von Po, Etsch und Brenta, wären sicher unproblematisch gewesen, hätte nicht ein steifer Gegenwind aus dem Norden so unheimlich gebremst. Dennoch schaffte ich es, radelte entsprechend stolz über die große Lagunen-Brücke und erkundigte mich dann nach jener Piazza, wo der Konvent der Suore tedesche beheimatet sein sollte – wieder so eine Adresse von Doktor Baum. Ganz hinten, am Ende der Lagunenstadt, erklärte man mir. Also schob ich das bepackte Rad durch die engen und vollen Gassen, trug es über viele Brücken und kam schließlich an besagtem Platz an, wo aber jene deutschen Schwestern nicht anzutreffen waren. Schließlich erinnerte sich ein älterer Handwerker, dass diese Schwestern schon viele Jahre zuvor von dort weggezogen seien und nun wohl in der Nähe der Anlagestelle zur Insel Giudecca untergebracht sein müssten, also genau am anderen Ende der Lagunenstadt. Ich konnte die Schwestern dort tatsächlich ausfindig machen, und sie gewährten mir gegen Bezahlung auch Unterkunft. Sie hatten sich auch an jenen Doktor Baum erinnert, ließen aber erkennen, dass sich ihre Wertschätzung für ihn sehr in Grenzen hielt.

Über Padua, das mir schon seit frühester Kindheit als Wirkungsort des Heiligen Antonius sehr bekannt war, und Verona mit seiner Arena, gelangte ich nach Trient, wo ich Unterkunft in einer Jugendherberge fand.

Wenn die Allgäuer Heimat ruft, dann  …

… beschleunigen sich gewöhnlich die Schritte. So ließ ich auf dem Weg in den Vinschgau Bozen einfach unbesehen rechts liegen. Nach Meran schob ich mein Rad an der Forst-Brauerei vorbei hinauf ins obere Etschtal. Dort kaufte ich mir am Wegrand eine größere Portion Klaräpfel und verschlang sie alle, was wohl keine gute Idee war. Aber die böse Wirkung setzte erst in der folgenden Nacht mit voller Wucht ein, in Burgeis, am Fuß des Reschenpasses, wo ich mir noch einmal ein richtiges Zimmer geleistet hatte. Allerdings sah ich mich einen Großteil der Nacht an eine Sitzschüssel in einem außerhalb des Zimmers liegenden Kleinraum gefesselt.

Ziemlich entkräftet begann ich am nächsten Tag den Anstieg zum Reschenpass, vorbei an einem von Mussolinis Ossari, die an diesen Alpenübergängen gegenüber den aus dem Norden anreisenden Barbari den mit hohem Blutzoll erworbenen Anspruch Italiens auf die heilige Grenze am Alpenhauptkamm unterstreichen. Ohne wirklich die Würde des Ortes missachten zu wollen, überkam mich genau in der Kurve um dieses Bein-Denkmal herum wieder ein dringendes Bedürfnis nach Entleerung, dem ich einfach nicht länger widerstehen konnte und nachgab. Mag mir die Repùbblica Italiana verzeihen.

Damit gab sich dann auch mein Körper wieder versöhnt, und er gewann wieder an Kraft, als der Reschenpass geschafft war und die Abfahrt ins obere Inntal und weiter bis Landeck anstand. Beschwerlich wurde es dann erst wieder auf der erneut ansteigenden Strecke dem Arlberg zu. Weil aber die nahe Heimat eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, stellte ich jeglichen Ehrgeiz hintan und machte noch vor St. Anton auf Autostopp. Und es klappte, sogar besser als erwartet. Denn der Möbelwagen aus dem Ländle, in dem man sich meiner erbarmte, fuhr über den Arlberg bis weit ins Rheintal hinaus, fast bis Dornbirn. Somit war ich dann ja schon fast daheim, gemessen an der hinter mir liegenden Distanz. In Bregenz wäre allerdings die Plagerei noch einmal losgegangen, denn mehr als 400 Höhenmeter vom Bodensee ins obere Westallgäu hinauf lagen vor mir. Wenn man aber einmal das Schamgefühl übergangen hat, scheut man sich auch kein zweites Mal mehr, schon gar nicht dann, wenn sich der bequemere Weg geradezu aufdrängt. Fuhr doch vor mir auf der Bergstrecke gegen Langen ein Traktor mit Heu-Anhänger, von dem ich mich ein gutes Stück des Anstiegs hochziehen ließ.

So war ich knapp zwei Stunden später daheim, wo niemand auf die Idee kam, mich zu bewundern oder hochleben zu lassen. Und es fragte auch niemand genauer nach, wie weit ich gekommen war und wie anstrengend die Tour für mich gewesen sei. Ich war halt für knapp drei Wochen in Italien gewesen und war nun wieder da, basta!

Lust auf eine eigene Trans Alp Radtour?

So einfach losradeln geht heute ja irgendwie nicht mehr. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil wir heute wenige befahrene Wege mehr suchen müssen.

Wir haben Dir 6 tolle Tipps, wie Du Deine eigene Trans Alp mit dem Fahrrad bewältigen kannst zusammengefaßt. Hier geht es lang …  Und wenn Du gerade nur Zeit zum „schnell naus & nauf“ hast, findest Du auch dafür Tipps hier im Allgäu Blog.

Für Dich an der Tastatur: Manfred Renn

Manfred Renn - Autor & BloggerIrgendwie war ich immer ein Spätzünder: Erst mit fast 21 Jahren verließ ich mein Westallgäuer Dorf, um über den Zweiten Bildungsweg noch zum Studium zu gelangen. Über Freiburg und Neuchâtel (CH) kam ich schließlich an die Uni Augsburg, wo ich in einem dialektologischen Forschungsprojekt hängen blieb und u. A. die Karten für mehrere Dialekt-Atlanten gezeichnet habe. Im Wissen um die dialektalen Gegebenheiten habe ich auch eine besondere Sensibilität für die sprachlichen Veränderungen entwickelt. Und so muss ich immer wieder schmerzhaft erleben, wie sich das bayerische Allgäu sprachlich und kulturell mehr und mehr an Oberbayern anpasst und damit viel von seiner Eigenart verliert.

Vor Kurzem habe ich unter dem Titel Herbststimmung – Erinnerungen und Gedanken eines Allgäuers (ISBN 978-3-347-23227-3) ein Buch veröffentlicht, in dem ich neben ganz Persönlichem auch die Themen Heimat, Nation, Politik, Gesellschaft und Religion breit anspreche. Und nun, als 73-jähriger Rentner, will ich mich gar noch als Blogger beweisen und mich so im Netz für „mein Allgäu“ einsetzen.

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