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Christbaum loben – ein Allgäu-Schwaben Brauch

von | Brauchtum & Kult

 „Mei isch der schee!“, „D´r Scheenschte“! – „Ok, das reicht, genug gelobt, darauf trinken wir einen Schnaps.“ Christbaum loben ist ein geselliger Brauch nach Weihnachten. Entstanden ist der Brauch in Allgäu-Schwaben. Freunde oder Gruppen verabreden sich zum loben, oder man geht mal schnell bei den Nachbarn vorbei um den schönen Weihnachtsbaum anzusehen. Spontan sind die Besuche und es ist die Gelegenheit Weihnachtsanekdoten zum Besten zu geben.

Weihnachtsbaum loben kann man nie genug!

Die Weihnachtsbaum-Lob-Regeln

  1. Jeder Baum wird gelobt, auch wenn er vielleicht etwas „schiach“ daherkommt!
  2. Jeder Weihnachtsbaum ist prinzipiell der Schönste, denn Geschmäcker sind verschieden, und gefallen muß er in erster Linie den Besitzern!
  3. Loben ja, übertreiben nein!
  4. Zum Weihnachtsbaum loben bleibt man nur kurz! Zwischen 15 Minuten und maximal einer Stunde. Denn nach all den Feierlichkeiten freut sich jeder über „freie Zeit“.
  5. Schnaps oder Likör gehört dazu.
  6. Sind noch selbstgebackene Laible oder Lebkuchen vorrätig, dürfen diese gerne zum „Alkohol saugen“ gereicht werden.

Theorien zur Entstehung des Brauches

„Weihnachtsbaum loben“ entstand am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die dekorierten Christbäume auch im Allgäu verbreitet haben. Jetzt gibt es mehrere Theorien zur Entstehung. Fast alle dienen auch als Erklärung, warum dieser Brauch auch heute noch gelebt wird.

Geselligkeit

Der Schwabe an sich ist ein geselliger Mensch. Der Allgäuer eigendlich auch, aber er zeigt es nicht so gerne nach außen. Durch die Weihnachtszeit entsteht eine gewisse Geselligkeitsdynamik, die dann gleich über das eigendliche Fest anhält. Weihnachtsbaum loben ist abgekoppelt von Familienzwängen, weshalb wahrscheinlich ein Grund gesucht wurde, um zwischen den Jahren entspannt mit Freunden und lieben Nachbarn einen trinken zu können.

Freie Zeit zwischen den Jahren

Aus alter Tradition wurde im Allgäu während der Rauhnächte  nicht gearbeitet. Es wurde gefeiert, orakelt und geräuchert. Zwischen den Jahren war die einzige Zeit, wo „Zeit haben“ erlaubt war. Dazu kommen Kälte und Dunkelheit.  Klar, daß die Menschen hier jede Gelegenheit zum ratschen und fröhlich sein nutzen wollten.

Neugierde

Dank Facebook & Co wissen wir heut, wie es in den Wohnzimmern der Menschen aussieht. Damals war für die normalen Allgäuer – neben Taufen, Hochzeiten und Tod – nur an Weihnachten die Möglichkeit, die gute Stube der Nachbarn und Freunde von innen zu sehen. Na da kommt man doch mal gerne zum loben vorbei. Sieht man doch gleich auch noch die Wertigkeit des Weihnachtsschmuckes …. Oder war es so, daß man gerne den anderen zeigen wollte, was man hat und lud deshalb zum Weihnachtsbaum loben ein? Nennen wir es Prestige-Theorie!

Genuß im Glas

Die Selbstgebrannten waren weit verbreitet, geheime und weniger geheime Schnapskultur gang und gäbe. Gehaltvolle Obstbrände oder eingelegtes Obst gab es in jedem Haus. Ein guter Schnaps für die Männer und was süßeres für die Frauen – wer lobt da nicht gerne?

Krippele loben

Die Erweiterung des „Christbaum lobens“ ist das „Krippele loben“. Geschickt die Anerkennung für die schöne Krippe plaziert, gibt es noch ein Schäpsle. Oder man kommt einfach nochmal vorbei und praktiziert „Krippele loben“ als extra Event.

Quintessenz

Kommunikation ist immer gut, und
Christbaum loben fördert Kommunikation.

Wahrscheinlich entstand Christbaumloben aus allen vier Gründen,
und genau deshalb ist es auch heute noch so beliebt.

                 Herzlichst, Deine
– ich bin dann mal beim Christbaum loben – Ulli