Allgäu Blog

Macher, Schaffer, Unternehmungen und Ziele im Allgäu

Auf der Suche nach dem Allgäu Gen

Sinnig & Unterhaltsam

Ein echter Allgäuer zu sein steckt einem im Blut, oder wie man heute sagen würde „in seinen Genen“. Woher das Allgäuern kommt? Die Allgäuer sehen sich gern als Gallisches Dorf, allen anderen an Verschmitztsheit überlegen. Vielleicht liegt es an der latenten Aufnahme psychotrober Substanzen welche z.B. in Käsepatzen enthalten sein könnten, an den umgebenden Hügelketten welche den Blick auf’s Wesentliche reduzieren, oder gar an der Nuancenvielfalt des Allgäuer Dialekts, einem komplexen Kommunikationssystem welches sich bisher erfolgreich gegen die geschriebene Sprache behaupten konnte. Jedenfalls, genaues weiß man nicht und deshalb bemühe ich mich seit Jahren autodidaktisch dieses Gen aufzuspüren, in der Hoffnung das die Wissenschaft eines Tages mit Hilfe der Genschere Crisper der Wildform des Allgäuers wieder zu einer Renaissance verhelfen kann.

 

Wo ist der Allgäuer Urahn?

Aber seitdem der Allgäuer Urahn, der selige Danuvius Guggenmosi, sich aufgemacht hat aufrecht in die Menschheitsgeschichte zu marschieren ist viel Wasser die Iller hintergeflossen und die Assimilation durch Fremde, insbesondere von jenseits des Lechs, ist unüberseh- und hörbar. Urallgäuer in dieser Brandung sind zunehmend seltener aufzufinden.

Corona: Ich sehe auch die ganze unerfreuliche Problematik welche uns dieser Virus aufbürdet, aber ich habe auch bemerkt das gerade das erzwungene Herunterfahren den Blick auf das Wesentliche, frei von „terrouristischen“ Überlagerungen, frei gemacht hat. Oder mit anderen Worten: Der Allgäuer kann nackt betrachtet werden.

Der geneigte Leser bemerkt sicherlich die Skepsis in meinen Worten und ich möchte diese mit Beispielen unterlegen. Zuerst mal, woran bemerke ich bei mir das AllgäuGen. Mit 73 Jahren hat man ein bisschen Erfahrung gesammelt und so kann ich die Symptome und Nebenwirkungen mittlerweile beschreiben.
Eigenartig! Sobald ich Freizeit habe gehen bei mir Blick und Gedanken das Illertal hinunter und ich favorisiere das Allgäu. Gut, ich bin das aufgewachsen und meine verwandtschaftlichen Beziehungen sind auch großteils in dieser Ecke. Trotzdem wäre für mich die Schwäbische Alb eine attraktive, sogar näherliegende Alternative. Zu behaupten, dass es dort „keine schönen Ecken“ gibt wäre gelogen. Fahre ich auf die Alb, dann immer mit einem definierten Ziel. Ich fahre so gut wie nie nur „ins Blaue“. Warum? Keine Ahnung.

Ins Allgäu hingegen da fahre ich meist ziellos. Stelle irgendwo mein Auto ab und laufe einfach los. Ich brauche nicht ein spektakuläres Anlaufziel. Es muss nur irgendwann auch mal nach Oben gehen. Der Horizont gehört irgendwie zu diesem Spiel. Tausendmal schon gesehen und immer wieder faszinierend und das Kuhglockengeläut welches die Stimmung unterstreicht, nimmt man erst wahr wenn man es nicht mehr hört. Irgendwie ist dieses Wahrnehmenkönnen eine Basis des AllgäuGens.

Der Allgäuer gehört bekanntlich dem Stamme der Schwaben an und nach meiner Wahrnehmung gibt Er sich als der Hardcore unter seinen Stammesbrüdern. Aber schon bei der Abfragung des Begriffs „Allgäu“ sieht es bei ihm mau aus. Das was vormals als Allgäu definiert wurde, wird bis in die Gegenwart durch kommerzielle Interessen gewandelt, ohne das sich ein erkennbarer Protest erhebt. Franz-Ludwig Baumann, Alfred Weitnauer und insbesondere die vielschichtige Person Dr. Otto Merkt sind noch im Gedächtnis von Opa und Oma noch abrufbar als die großen Kämpfer und Gestalter für das Allgäu zu verorten. Dieses Grundwissen sollte eigentlich zum 1×1 jedes Allgäuers gehören. Ohne die kraftvolle Vorarbeit dieser Herren wäre die Provenienz des Allgäus unvorstellbar.

Bayuwarisierung des Allgäus

Natürlich gibt und gab es auch in neuerer Zeit Leute denen man das Prädikat „Allgäuer“ auf die Brust schreiben könnte und es lohnt sich gelegentlich in der „Allgäu Heimat Akademie“ zu blättern. Hinzuzurechnen sind auch der Füssener Magnus Peresson, der Kräuterpapst Pius Lotter und Emeritus Prof. Manfred Renn als Kämpfer für die Allgäuer Dialekte. Er beklagte früh schon, noch an der Uni Augsburg, die Bayuwarisierung schwäbischer Speisekarten und sprach diesen seelenvollen Satz: „Nur der Memminger Dialekt stemmt sich wie ein Bollwerk gegen das Bayerische das über den Lech brandet“.

Dieses Wörtchen „nur“ aus studiertem Munde besagt wohl alles. Wir in Bayerisch Schwaben haben uns kampflos, im Gegensatz zu den Franken, unser Wappen nehmen lassen und dem Allgäu wurde ein nichtssagender in blau gewürfelter Namenszug „Allgäu®“ aufgedrückt, den zu verwenden auch noch bezahlt werden muss.

Eine Bayuwarisierung Schwabens und des Allgäus ist offensichtlich und schreitet massiv voran. Was hier im Juli 2020 als bundesweites Leuchturmprojekt in den Allgäuer Zeitungen verbreitet wurde, müsste eigentlich jedem Allgäuer die Zehennägel hochbiegen. Hier geht es darum, mit Hilfe einer „Kultur-Kreativ-Denkwerkstatt“ das Wissen um die
Allgäuer Kultur, ihre Traditionen und ihr Brauchtum zu bewahren, weiterzugeben und in der Bevölkerung zu verankern und soll Vorbildcharakter haben.

Bayuwarisierung des Allgäus

Schuhplattln – Allgäuer Tradition?

Vor vier Jahren hat der Vorstand des Trachtenvereins „D’ Neuschwanstoaner Stamm“ Füssen mit den Planungen des Projekts begonnen und sich durch den „Behördendschungel“ gekämpft. Mit Erfolg: Das Landwirtschaftsministerium fördert einen Teil des Projekts mit 99.466 Euro.

Die Idee, die hinter dem „Allgäuer Heimatwerk“ steht, fußt auf drei Säulen: „Kultur“, „Tracht – Blaues Allgäu“ und „Feste Feiern“. Es soll altes Wissen rund ums Allgäu weitergeben werden. Themen rund um’s Kochen, Kräuter, Stricken und Handwerk und Nachwuchssportler sollen im Schuhplatteln unterrichtet werden. Mit dem Füssener Museum und dem Bezirk Schwaben ist eine große Sonderausstellung für 2021 geplant.

Soweit die von mir die herausgeschriebene Quintessenz und alle Achtung, der Mann hat sich was vorgenommen und ist, wie man an der Förderung in €-Zahlen ablesen kann, mit seinem Heimatbegriff auch so allein nicht.

Jetzt lass ich das mal so stehen!

Teilen dieser Aktivität kann ich einiges abgewinnen. Aber die Bilder, vorangestelltes mag als Beispiel gelten, haben eine tiefbayerische schützengilderische Ausstrahlung was für mich auch durch das Schuhplatteln noch unterstrichen wird. Ich weiß 1.Vorplattler zu sein ist ein hohes Amt. Für mich hingegen eine Inszenierung zu Schauzwecken zur Belustigung der Touristen welche geradezu herbeigekarrt werden. Dr. Merkt, den ich hierzu an meine Seite holen möchte, bezeichnete dieses Treiben (lt. Alfred Weitnauer) als das Bayerischer Gebirgstrachtenbewahrungsvereine. Als Bayerische Gaudi da lass ich’s gelten. Ich lasse mir gerne widersprechen, aber als 73-jähriger verwurzelter Schwabe und Allgäuer habe ich noch nie bemerkt dass es irgendjemanden daheim gejuckt hätte einen Schuhplattler anzuschlagen. Selbst Sackhüpfen war dagegen exponentiell häufiger ansagt.

Der Verkauf der Allgäuer Seele

Ich weiß, die Wirtschaft brauchts, selbst wenn aus Touristen, Massen an „Terrouristen“ werden. Da drückt man selbst das Hühnerauge zu und verkauft auch chinesischen Kitsch, Hauptsache die Kasse stimmt. Auch meine Allgäuer sind auf diesem Gebiet sehr heimisch. Bayuwarisches Brauchdumm, dazu eine Schippe König Ludwig & Neuschwanstein und mit der Seilbahn hoch ins Restaurant. Das war’s und ein paar Stunden später geht’s mit dem Bus zurück zum Flughafen München/München-West, das Allgäu als „erlebt“ abgehakt. Dauergäste hätten on top noch die Möglichkeit sich nach 3,5 Stunden und nur zu Fuß über eine „nahezu völlig unberührte und ursprüngliche Natur- und Berglandschaft mit außergewöhnlichen Ausblicken“ erreichbar, auf 1804 Höhenmeter auf einer Allgäuhütte im FKK-Wellnessbereich mit Massage-Whirlpool und Sauna, bei einem Bierchen aus der Hüttenbrauerei nebenan bis zur Hüttenruhe FR/SA um 2.00 Uhr neue Kraft zu tanken. Wahrlich eine unternehmerische Höchstleistung mit Zukunftspotenzial, das auf eine  konkrete Nachfrage setzt. Aber damit verkauft das Allgäu seine Seele!

Noch bin ich noch nicht ganz fertig mit meinem Frust. Es ist die Sprachlosigkeit welche das
ganze Geschehen vorantreibt. Wir verlassen uns nur noch auf das was irgendeine App uns
vorgibt. Denken entbehrlich, die KI (Künstliche Intelligenz) weiß alles. Das neben der KI auch künstliche Dummheit (KD) zuschlägt, wird geflissentlich übersehen, das gilt ja stets nur für die anderen.

Ich habe in 2020 einige Beiträge zum Allgäuer Wesen auf www.im-allgaeu-daheim.de gebloggt, anfangs sogar mit Freude.

Wie heißt es dort so schön?

Schreiberlinge, die sich für ein bestimmtes Thema begeistern. So wie wir über das Allgäu. Wir recherchieren und verfassen Beiträge und stellen diese online. Ganz viele kleine einzelne „Blogposts“ ergeben zusammengenommen ein richtig dickes Online-Magazin. Oder auch: „Blogger werden“. Als Blogger hast Du den imensen Vorteil, dass Du ganz einfach mit den Menschen in Kontakt kommst. Bloggen für den Allgäu-Blog öffnet Dir Türen. Da Du zuerst etwas gibst (Text) hören Dir Menschen zu.

Klingt gut und hört sich nach meiner Seelenlage an. Aber antworten auf einen solchen Beitrag kann man leider nicht. Dieses Online-Magazin lässt keine Kommentare zu und jeder
Beitrag verhallt so im Nichts. Dabei ist es doch dieses Rückspiel welches das Feuer am lodern erhält. So aber ist das ein Paradebeispiel dessen was ich unter Sprachlosigkeit verstehe. Gut gemeint und voll danebengeschossen. Da verliert man die Begeisterung für eine Sache und das Engagement läßt nach oder wird anderswohin verlagert……und die
Bayuwarisierung schleicht weiterhin ungebremst voran.

Das ist nun mein letzter Input zum Jahresende. Auch wenn ich Corona nichts abgewinnen
kann, so habe ich doch die Hoffnung, dass die „terrouristische Leere“ meine Allgäuer mal
wieder etwas gemütlicher zu wirklichen Gesprächen zusammenbringt.

Es gibt ja nichts Besseres zu tun.
In diesem Sinne und bleiben Sie auch im kommenden Jahr gesund.
Rolf Kuntz

Anmerkung der Redaktion:

Natürlich können Kommentare auf dem Allgäublog geschrieben werden. Sie werden auch unzensiert veröffentlicht. Aber: Nachdem wir weder sexy junge Frauen noch sonstigem Mist eine Plattform bieten möchten, gehen vor Veröffentlichung alle Kommentare durch unsere Hände. Und ja, auch wir würden uns mehr Austausch wünschen. Kritischen, wie Lobenden aber immer anständig.

 

Noch ein paar Allgäuspitzen

Der Allgäuer

oder die Geschichte einer Übernachtung

Kässpatzen-Burger

oder die Geschichte einer Verkostung

Für Dich an der Tastatur: Rolf

Ich bin "Renn"tner. Einer der sich mit zwei "n" schreibt. In Memmingen geboren, aber jetzt in der schwäbischen Diaspora bei Neu-Ulm wohnend. Für mich ist der Allgäuer der Hardcore unter den Schwaben. Eine Thematik mit der ich gerne kokettiere. Mein Pulver dazu erwandere ich mir gerne im Allgäu oder um’s Allgäu herum und vielleicht triffst Du mich mal wenn ich mit dem Pilzkorb dazu auf Suche bin. Aber Vorsicht, mit mir ist schlecht diskutieren! Ich bin ein wandelndes Geschichtsbuch und weiß immer noch was .... 😉

Rolf Kuntz

Forschender Geschichtenfinder, Renntner

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